Ein solides Aktiendepot für ängstliche Anleger

F.A.Z. 28. SEPTEMBER 2019, von Daniel Mohr

Die Vermögensfrage
Manche Aktien kosten Nerven – aber nicht alle

Die Börse besteht nicht nur aus Kursraketen und Abstürzlern. Es gibt auch sehr solide Aktien, die den Anleger weniger Nerven kosten. Eine Auswahl.

Carl Zeiss Meditec ist nicht gerade der hellste Stern am deutschen Aktienhimmel. Solche Rollen übernehmen für gewöhnlich die Deutsche Bank oder VW. Sie prägen auch das Bild vieler Deutscher vom Aktienmarkt: Skandale, Manipulationen, Kursstürze. Carl Zeiss Meditec ist anders. In ruhigem Fahrwasser hat das Unternehmen aus Jena einen Wert von derzeit fast zehn Milliarden Euro erreicht und damit mehr als Thyssen-Krupp, die Commerzbank oder Lufthansa.

Mit Carl Zeiss fliegt aber auch niemand in den Urlaub oder ärgert sich über kaputte Aufzüge oder schlechten Bankservice. Carl Zeiss Meditec werden eher Ärzte kennen. Schließlich ist es ein Hersteller von Präzisionswerkzeugen in der Augenheilkunde. Das zweite Standbein sind Operationsmikroskope, die jährlich bei rund zehn Millionen Eingriffen von Neurochirurgen eingesetzt werden. Zahlreiche weitere Geräte der Medizintechnik runden das Portfolio ab. Kurzum: Der Konzern profitiert von der Alterung der Bevölkerung in den Industrieländern. Mit ihr steigen die Ausgaben im Gesundheitssystem und der Bedarf an medizinischen Leistungen. Einer der Megatrends, wie Achim Matzke sagt, Leiter der Technischen Analyse und Indexanalyse der Commerzbank.

Er ist Fachmann für Marathonläufer an der Börse. Also jener Unternehmen, die nicht auf den schnellen Hype, den kurzfristigen Erfolg aus sind, sondern die über viele Jahre kontinuierliches Wachstum aufweisen. Und unter den deutschen Aktien fällt Matzke als bestes Beispiel dafür eben Carl Zeiss Meditec ein. „Marathonläufer weisen über zwanzig Jahre einen Aufwärtstrend im Kurs auf“, sagt der Analyst. Das schließt zwischenzeitliche Kursverluste nicht aus. So weist auch Carl Zeiss Meditec vereinzelte Phasen auf, in denen der Kurs um zehn Prozent gefallen ist. Doch der übergeordnete Trend geht (steil) bergauf. Knapp 3 Euro kostete eine Aktie im Jahr 2001. Heute sind es gut 100 Euro. Allein dieses Jahr beträgt das Kursplus mehr als 50 Prozent.

Ist die Aktie damit aber nicht schon genug gestiegen? „Qualität kaufen Sie fast immer am All-Time-High“, sagt Matzke dazu. „Sie müssen immer das Gute, Erfolgreiche kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das auch in der Zukunft durchsetzt, ist hoch.“ Auf Schnäppchenjagd würde er an der Börse eher nicht gehen. „Aller Erfahrung nach erholen sich die tief gefallenen Aktien nicht so schnell, oft sogar gar nicht, sondern fallen weiter.“

Bei der Auswahl zukunftssicherer Aktien empfiehlt Matzke, auf Megatrends zu schauen. Das sind für ihn das Bevölkerungswachstum auf der Welt, die Alterung in den Industrieländern, der wachsende Reichtum der „Alten“ in den Industrieländern, die sich etwas gönnen können, und die Urbanisierung. „Unternehmen, die mindestens von einem dieser Megatrends profitieren, dürften zu den künftigen Gewinnern am Aktienmarkt zählen“, sagt Matzke.

Carl Zeiss Meditec verkörpert das für ihn am ehesten in Deutschland. Aber ein Aktiendepot für Ängstliche sollte natürlich nicht vom Wohl und Wehe eines einzelnen Unternehmens abhängen. Der Blick nach Frankreich fördert Marathonläufer zu Tage, die von dem wachsenden Reichtum der wachsenden Zahl der Alten in den Industrieländern profitieren: die Luxusgüterkonzerne. LVMH heißt hier das Flaggschiff, eine Abkürzung für Louis Vuitton Moët Hennessy, das nicht nur die Familie Arnault als Großaktionär ungeheuer reich gemacht hat, sondern auch die vielen tausend anderen Aktionäre. Von gut 40 Euro vor zehn Jahren ist der Kurs auf aktuell rund 360 Euro gestiegen. Der Konzern kommt damit auf einen Börsenwert von stolzen 180 Milliarden Euro. Die Kursrückschläge sind selten, der Aufwärtstrend stimmt, und der Bedarf an Luxus wächst mit jedem Chinesen, Amerikaner und Europäer, der zu Reichtum kommt, und das sind immer mehr. Wer eher den Produkten von Hermes eine gute Zukunft zutraut, findet auch in den Aktien dieses Pariser Luxuskonzerns einen Marathonläufer der Börse.

Weniger spektakulär geht es bei den Nahrungsmittelkonzernen zu. Mit steigender Weltbevölkerung verbessern sich deren Wachstumsaussichten. Entsprechend beliebt sind die Aktien von Danone, Unilever und Nestlé. Der Schweizer Konzern hat es mit einem Börsenwert von knapp 300 Milliarden Euro sogar zum wertvollsten Unternehmen in Europa überhaupt gebracht. Der Aktienkurs stieg Anfang September mit 113 Franken auf ein neues Hoch. Kritische Aktienmarktphasen wie den Herbst 2018 verbringt die Aktie meist in einer Seitwärtsbewegung. Kursrückgänge gibt es aber auch hin und wieder, doch der langfristige Aufwärtstrend ist stabil wie bei kaum einer Aktie sonst. Doch auch der niederländisch-britische Rivale Unilever und der französische Danone-Konzern weisen Kursbilder auf, die zumindest in den vergangenen zehn Jahren ein Muster an stabilen Aufwärtstrends waren.

Geht das immer so weiter? Das weiß natürlich niemand. Auch die noch so soliden Unternehmen können in Schwierigkeiten geraten. Zu ängstlich dürfen die Anleger auch hier nicht sein, sonst bleiben sie lieber in ihrem zinslosen Tagesgeldkonto. Ein Aktiendepot, das aber über rund zehn solcher soliden Unternehmen verfügt, sollte auch einigermaßen vor tiefen Krisen geschützt und langfristig erfolgversprechend sein.

Weitere Beispiele für Marathonläufer sind aus der Getränkeindustrie Campari aus Italien und Diageo mit seinen Marken Johnnie Walker, Guinness und Bailey’s aus London. Unter den Süßwarenherstellern ragt Lindt&Sprüngli heraus, deren Aktienkurs allerdings mittlerweile auf 82 000 Franken für eine Aktie gestiegen ist. Da dies das Budget der meisten Anleger sprengt, gibt es aber mittlerweile eine zweite Gattung, die für „nur“ 7500 Franken das Stück zu haben ist.

Henrik Muhle, gemeinsam mit Uwe Rathausky Manager des Acatis Gané Value Event Fonds, ist ein Freund solider, langfristig erfolgreicher Aktien. Er stellt sich bei der Aktienauswahl die Frage, welche Unternehmen wohl in zehn Jahren noch existieren. Und ob es ihnen dann besser gehen wird als heute. Die entsprechenden Aktien kauft er. Muhle bevorzugt für seinen Fonds, in dem 2,5 Milliarden Euro Anlegergeld stecken, Unternehmen mit stabilen Geschäftmodellen und einer starken Marktstellung. Im Idealfall sollten die Aktien solcher Unternehmen auch geeignet sein für ängstliche Anleger, indem die Aktienkurse stabile Aufwärtsbewegungen liefern.

„Geldanlage in Aktien ist aber keine Naturwissenschaft, die klaren eindeutigen Regeln folgt“, sagt Muhle. „Es ist eher eine Sozialwissenschaft mit vielen diffusen Einflussfaktoren.“ Der Kursverlauf der Aktie und der Geschäftsverlauf des Unternehmens unterschieden sich daher. „Nicht prinzipiell, aber zwischendurch gibt es schwache Kursphasen, die muss ein Aktionär einfach aussitzen können, wenn er von einem Unternehmen überzeugt ist“, sagt der Fondsmanager. „Die Kursschwankungen sind sogar unser Freund, weil sie günstige Gelegenheiten zum Einsteigen und Nachkaufen bieten.“

Das haben Muhle und Rathausky gerade wieder bei einer ihrer Lieblingsaktien gemacht, dem IT-Leasingunternehmen Grenke aus Baden-Baden. Nach einem sehr guten Kursverlauf gab es erst im Herbst 2018 und nun Ende Juli zwei kräftige Kursrückschläge. „Manche Unternehmen werden Opfer ihres eigenen Erfolgs, weil die Markterwartungen in kaum erreichbare Höhen steigen und dann irgendwann enttäuscht werden“, sagt Muhle. Doch er hält das Geschäftsmodell für langfristig überzeugend: „Sie sind Kostenführer und Kostenführer bauen ihre Marktführerschaft in der Regel weiter aus.“

Entsprechend setzt der Gané-Fonds auch auf die Aktien von Amazon und die Google-Holding Alphabet sowie die starken Marken Apple, Nestlé und McDonald’s. Generell sieht Muhle in den Aktienmärkten derzeit durchaus mehr Chancen als Risiken. „Der Run auf Aktien nach dem Umschwung der Geldpolitik zu noch niedrigeren Zinsen hat noch gar nicht eingesetzt“, sagt er. Und dass Unternehmen wie der Büroraumvermittler Wework seine hohen Bewertungen von bis zu 50 Milliarden Dollar beim gescheiterten Börsengang nicht erzielen konnte, wertet er als Zeichen, dass die Märkte längst nicht überhitzt sind, sondern die Anleger sehr genau hinschauen.

Wer übrigens eine Defensivstrategie in ihrer ältesten und bewährtesten Form in nur einer einzigen Aktie gebündelt kaufen will, der sollte die Titel von Berkshire Hathaway in sein Depot nehmen. Die Investmentgesellschaft der Investorenlegende Warren Buffett setzt seit jeher auf solide, verständliche Geschäftsmodelle, deren Mittelzufluss üppig ist. Der Erfolg ist beeindruckend. Dazu reicht ein Blick auf die wertvollsten Unternehmen der Welt. In die Phalanx der Tech-Größen Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet/Google, Facebook, Alibaba und Tencent kann nur Berkshire auf Rang 6 mit einem Börsenwert von gut 500 Milliarden Dollar vorstoßen. Hier wäre es natürlich klug gewesen, schon vor gut 40 Jahren zu investieren, als die Aktie noch für 70 Dollar zu haben war. Heute sind es 310 000 Dollar. Sie ist damit die teuerste Aktie der Welt. Der 89 Jahre alte Großaktionär Buffett wurde mit seinen Investments zu einem der reichsten Menschen.

Immerhin hat er für das kleinere Portemonnaie mittlerweile B-Aktien geschaffen, die für umgerechnet 190 Euro zu haben sind. Buffett setzt auf starke Marken. Auf Unternehmen, die nach seiner Ansicht einfach nicht untergehen werden, sondern die es noch lange geben wird. Schwergewichte im Portfolio sind Apple und Coca-Cola, aber auch amerikanische Banken wie Bank of America, Wells Fargo und JP Morgan Chase, der Kreditkartenkonzern American Express, der Ketchuphersteller Kraft Heinz sowie weitere Banken, Fluggesellschaften, aber auch zahlreiche nichtbörsennotierte Unternehmen aus der Versicherer- oder Eisenbahnbranche. Mittlerweile hat er auch Amazon-Aktien gekauft und sich als Idiot bezeichnet, die phantastische Entwicklung des Unternehmens nicht früher gesehen zu haben. Auch die Apple-Aktien hat er erst spät erworben.

Doch es gehört zur Stärke solcher Investoren, verpassten günstigeren Einstiegschancen nicht nachzutrauern, sondern trotz stark gestiegener Kurse Unternehmen Geld anzuvertrauen, denen sie eine gute Zukunft zutrauen. Warum also nicht auch Carl Zeiss Meditec vertrauen? Vielleicht wird es ja der erste Dax-Wert aus Ostdeutschland?

 

zum Thema Vorsorgewohnungen und Immobilienanlage siehe zahlreiche Artikel auf meiner Webseite

https://www.meller.biz/index.php/vorsorgewohnungen-173.html


tax shelters

# 26 from Tao of Charlie Munger: A Compilation of Quotes from Berkshire Hathaway's Vice Chairman on Life, Business, and the Pursuit of Wealth
with Commentary by David Clark, Auflage 2017

 "In terms of business mistakes that I've seen over a long lifetime, I would say that trying to minimize taxes too much is one of the great standard causes of really dumb mistakes. . . . Anytime somebody offers you a tax shelter from here on in life, my advice would be don't buy it." Charles Munger

Charlie has seen incredible mistakes in investment judgment because some people are more concerned with not paying taxes than they are with making money. They invest in tax shelters that may be great at avoiding taxes but in reality are terrible business ventures, many of which end up losing more money than they saved their owners in taxes. Charlie and Warren have engineered their investment in Berkshire Hathaway so that it is a kind of legal tax shelter. They have accomplished this by having the company never pay a dividend, thus avoiding the tax on the dividend payment, and by holding their Berkshire stock for fifty years. That has allowed the earnings to pile up inside Berkshire. And they used the accumulated profits to build the company by acquiring other companies. The only time they have to pay the tax on their Berkshire holdings is when they sell their stock. In Warren's case, since all his money is going to a charitable foundation, he will never have to pay a dime of tax on it. Why would Charlie or Warren ever buy a tax shelter when they have Berkshire Hathaway, the ultimate vehicle for avoiding or deferring the payment of taxes?

The Snowball: Warren Buffett and the Business of Life

by Alice Schroeder, page 407 f

Five hundred of the grateful rich, wearing black tie and ball gowns, walked in 1980 up the red carpet and into New York’s swanky Metropolitan Club for Buffett’s fiftieth birthday party. With Berkshire Hathaway trading at $ 375 a share, the Buffetts' net worth had more than doubled in the past year and a half. They could easily afford to rent the place. Dotted among the Buffett Group members were semi-demi-celebrities like the actor Gary Cooper’s daughter.

Susie had ordered a cake shaped like a six-pack of Warren’s beloved Pepsi-Cola. He had asked his old pinball partner Don Danly to bring him the balance sheet for Wilson’s Coin-Operated Machine Company: Buffett was beginning to gather materials from his early business efforts - treating these objects like totems and showing them to people with a slight tinge of reverence. They seemed like tangible evidence of himself, reassuring artifacts.

Susie brought her band from Sao Francisco and took center stage to sing verse after verse of a version of "Shuffle Off to Buffalo" on the theme of Buffett’s latest caper: packing up his duffel and shuffling off to Buffalo to buy an undervalued paper.

The man himself, with eyebrows sprouting like ivy tendrils over the frames of his glasses, now looked less awkward in black tie. Buffett’s hunt for things to buy had become more ambitious, free of the cigar butts and lawsuits of the decades before. The great engine of compounding worked as a servant on his behalf, at exponential speed and under the gathering approval of a public gaze.

The method was the same: Estimate an investment's intrinsic value, handicap its risk, buy using margin of safety, concentrate, stay in the circle of competence, let it roll as compounding did the work.

Anyone could understand these simple ideas, but even though Buffett made the process look effortless, the technique and discipline underlying it involved an enormous amount of work for him and his employees. As his business empire had expanded, from the shores of Lake Erie to the suburbs of Los Angeles, Kiewit Plaza remained at the center-a quiet but endlessly busy temple of commerce, furnished with dinged, scuffed steel-frame furniture and linoleum floors. With every new investment, there was more to do; but the number of people at headquarters barely changed. …

The sun was indeed nice and warm, but Buffett was so focused and his mind worked at such speed that extended conversations with him left them sunburned. "My mind was so tired," said one friend. "I had to recuperate from seeing him," said another. "It was like being pounded on the head all day long," said a onetime employee.

 

Warren Buffett 2020 Berkshire Hathaway shareholder meeting

don’t bet against America

1:55     farm with a crazy neighbour who offers you a different prize each day
Stocks are a part of a business.
Imagine that you decided to invest money now and you bought a farm,160 acres.
The farmer next to you had 160 identical acres. Your neighbour is a very peculiar character, because every day he says I sell you my farm or I buy your farm. When you bought the farm you think about the potential of the farm. Your neighbour is manic depressive and the numbers. The guy next door is there to serve you. Basically you bought into a business. Stocks have the advantage of people telling you prices every day.

One day the neighbour offers you 2000 $ per acre, the next day 1200 $ an acre, the next day 800 $ an acre. Would this guy drive you into thinking “I better sell because the numbers my neighbour quotes keep coming lower every day” when you have evaluated what the farm produces. It is very important to bring the right psychological approach to owning stocks.

Totalverlust ist wirklich keine Option

Was würden Sie tun, wenn ihr Aktiendepot in vier Wochen um 34 Prozent abstürzt? Von Volker Looman, FAZ vom 17.03.2020

Börsianer! Gebeutelte! Verzweifelte! Ich brauche mal wieder Ihren geschätzten Rat. Warum? Nun ja, vor einer Woche hat es an der Börse gewaltig gekracht, und gestern sind die Kurse weiter gefallen. Vermutlich sieht es auch in Ihrem „schönen“ Depot aus wie nach einem Bombenangriff. Die ersten Rauch-schwaden haben sich verzogen, aber das Feuer ist noch nicht gelöscht. Folglich stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Halten oder verkaufen? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil jeder Jeck anders ist, wie es im Rhein-land heißt, und ich möchte Ihnen die aktuelle Dramatik am Fall eines Sparers vor Augen führen.

Vor fünf Jahren hat sich ein Kölner, damals 45 Jahre alt, für anderthalb Millionen Euro ein kleines Mehrfamilienhaus gekauft. Ein Drittel wurde mit Bargeld bezahlt, und zwei Drittel wurden mit Hilfe einer Hypothek in Höhe von einer Million Euro beglichen. Der Kredit kostet 1,80 Prozent pro Jahr, und der Nominalzins gilt noch zehn Jahre. Der Investor hat lange mit sich gerungen, wie er den Kredit tilgen soll. Zur Wahl standen Darlehen mit laufender und endfälliger Tilgung.

Wissen, worauf man sich einlässt

Der Anleger hat sich für die zweite Lösung entschieden. Er hat ein Festdarlehen aufgenommen, und er hat einen Aktiensparplan abgeschlossen. Bitte sehen Sie jetzt von „unflätigen“ Kommentaren ab, weil Sie schon immer wussten, dass das Teufelszeug ist. Der Mann war sich bewusst, worauf er sich bei dem Zinsdifferenzgeschäft einließ, und wer aus dem Rathaus kommt, ist nun mal schlauer, als er hineinging. Der Anleger wollte 15 Raten von jeweils 50 000 Euro in deutsche Aktien investieren, weil er darauf vertraute, dass sich die Werte mit 5 bis 6 Prozent pro Jahr rentieren. Die Rechnung ist bis Anfang letzter Woche in voller Höhe aufgegangen. Der Hausbesitzer hat von 2015 bis 2019 jeweils am Jahresende exakt 50 000 Euro in das Depot eingezahlt. Vor vier Wochen waren die Aktien noch 295 000 Euro wert, heute sind es 100 000 Euro weniger. Folglich ist das Depot um 34 Prozent abgestürzt.

Nun ist guter Rat im wahrsten Sinn des Wortes (sau)teuer, wenn ich das so drastisch formulieren darf. Was würden Sie in dieser Lage tun, liebe Leser? Soll der Anleger an seinem Plan festhalten, den „Verlust“ von 100 000 Euro ausblenden und auch in Zukunft weiterhin 50 000 Euro pro Jahr in Aktien investieren? Oder soll er das Trauerspiel beenden, das Guthaben ( 195 000 Euro) in die Tilgung der Hypothek stecken und den Rest auf klassische Art und Weise zurückzahlen? Vor derselben Frage stehen übrigens nicht nur Anleger, die das Ziel verfolgen, mit Hilfe von Aktien ihre Kredite zu verbilligen, sondern auch Leute, welche den Wunsch haben, in zehn Jahren eine Million auf dem Konto zu haben, weil sie davon im Ruhestand leben müssen oder wollen. Was würden Sie diesen Menschen raten?

Sehen wir uns die finanzielle Zukunft des Hausbesitzers an. Der Anleger hat noch 195 000 Euro im Depot, und er „muss“ in zehn Jahren eine Schuld von 1 000 000 Euro tilgen. Dafür hat er in den letzten Jahren jeweils 68 000 Euro pro Jahr aufgewendet. Von diesen Summen entfielen 18 000 Euro auf die Zinsen und 50 000 Euro auf den Aktiensparplan. An den Zinsraten wird sich bis zum Ende der Zinsbindung in zehn Jahren nichts ändern. Das gilt aber nicht für das Aktiendepot. Hier ist in Zukunft eine jährliche Rendite von 8 Prozent notwendig, um mit einer Startzahlung von 195 000 Euro und zehn Jahresraten à 50 000 Euro in zehn Jahren auf eine Million Euro zu kommen. Das ist heftig, nicht wahr?

Die Alternative ist der harte Schnitt. Der Anleger löst das Depot auf und senkt die Schuld um 195 000 Euro. Der Rest von 805 000 Euro wird auf ein An-nuitätendarlehen umgeschuldet. Dafür sind bei einem jährlichen Nominalzins von 1,8 Prozent und der Tilgung von 9,22 Prozent zehn Jahresraten von je-weils 88 683 Euro nötig. Das sind jedes Jahr rund 21 000 Euro mehr als bei dem Festdarlehen und dem Aktiensparplan, doch irgendeinen Preis wird der Mann bezahlen müssen. Ich will nicht aus-schließen, dass die Kurse der Aktien wieder steigen werden, doch die „Forderung“ von 8 Prozent ist starker Tobak. Genauso sind aber auch 88 000 Euro pro Jahr ein kräftiger Schluck aus der Pulle, weil der Mann einen Verlust von 1,5 Prozent pro Jahr hinnehmen könnte, wenn er die heutigen 195 000 Euro und die künftigen 890 000 Euro an der Börse investieren wird.

Die wenigen Zahlen zeigen in aller Deutlichkeit, dass Hysterie und Panik in solchen Tagen die schlechtesten Ratgeber sind. In meinen Augen kommt es im vorliegenden Fall auf die Resilienz des Anlegers an. Falls der Vermieter „dünnhäutig“ ist und die Gefahr besteht, dass der Mann bei weiteren Angriffen auf sein Depot ins Wasser geht, gibt es nur eine Lösung: Aktien verkaufen und den Restkredit auf jährliche Tilgungen umstellen, die zwischen 68 000 und 89 000 Euro liegen. Bei den niedrigen Raten wird in zehn Jahren eine Restschuld von 224 000 Euro übrig bleiben, und bei den hohen Raten werden die Schulden in zehn Jahren vom Tisch sein.

Wenn der Anleger wider Erwarten ein „dickes Fell“ hat, rate ich zum Durchhalten. Ich würde die deutschen Aktien in internationale Titel tauschen, um das Fundament der Geldanlage zu verbreitern. Das ist zwar keine Garantie, dass es wieder bergauf gehen wird, doch Deutschland ist nicht der Nabel der Welt. Genauso wenig kann ich Ihnen sagen, wann die Börse wieder anzieht. Es ist denkbar, dass die Kurse in den nächsten Wochen und Monaten um weitere 10 oder 20 Prozent einbrechen, doch ich glaube nicht an den Totalverlust. Sollten alle Aktiengesellschaften dieser Welt im Laufe weniger Wochen kollabieren, dann wird unser Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Ende sein. Oder sehen Sie das anders?

Das kann dauern

Ich gehe davon aus, dass einige Jahre ins Land gehen werden, bis die Börsenkurse wieder steigen. Das ist in meinen Augen aber nicht tragisch, wenn die Anleger auf die Börse nicht angewiesen sind. Damit kommen wir zu den Sparern, die Geld in Aktien investieren, um ihre Rente aufzubessern. Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie – wie der Hausbesitzer – in den letzten Tagen rund 100 000 Euro „verloren“ haben und in Zukunft jährlich 50 000 Euro anlegen wollen? Würden Sie den schönen Traum vom Millionär im Ruhestand mit Hilfe von Champagner und Kaviar begraben und die 695 000 Euro auf dem Sparbuch ansammeln? Oder würden Sie das Ziel im Auge behalten, auf Anleihen mit einer Verzinsung von 1 Prozent umsteigen und die Sparraten auf 75 000 Euro pro Jahr steigern? Oder würden Sie die Raten zur Sicherheit auf 60 000 Euro erhöhen und weiterhin auf die Börse setzen?

Ich plädiere für die letzte Lösung. Die 195 000 Euro bleiben in dem Aktiendepot liegen. Die jährlichen Raten von 60 000 Euro würde ich in gleiche Hälften teilen. Die einen 30 000 Euro werden in Anleihen angelegt, und die anderen 30 000 Euro werden in Aktien investiert. Bei jährlichen Renditen von 1 und 5 Prozent würde die gewünschte Million zusammenkommen, und wenn es wider Erwarten nicht klappt, dann müssen Sie im Ruhestand nicht verzweifeln. Sie werden jeden Tag die Möglichkeit haben, sich über die Politik und das Wetter zu ärgern, einige Herztropfen zu sich zu nehmen und weiterhin zur Arbeit zu gehen!

 

Jenseits des Dax, über ETFs

Von Daniel Mohr , FAZ vom 07.05.2020

Die Corona-Krise ist auch eine Krise der ETFs. Nie zuvor ist die Beschränktheit dieser Indexfonds so deutlich geworden wie jetzt. Jedermann ist klar, dass die Krisengewinner Amazon, Netflix und Doc Morris heißen. Und in Deutschland vielleicht Teamviewer, Hello Fresh und Delivery Hero. Doch in was investiert der Dax-ETF? In Lufthansa, Daimler und MTU. Er kann und darf ja auch gar nicht anders. Welch eine Chance für aktive Anleger und somit auch für aktive Fonds. Sie müssen sich nicht auf 30 Werte eines Index beschränken, egal wie groß die Krisenverlierer darin sind. Ihnen steht die Welt der kleinen Impfstoffforscher und Website-Bauer offen. Sie können voll auf den Schub für die Digitalisierung setzen, der durch die Krise ausgelöst wurde. Noch ist unklar, inwieweit die aktiven Fonds ihre Chancen wirklich erfolgreich genutzt haben. Das werden ihre Bilanzen in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Aber jeder kann sein Depot auch jetzt schon selbst auf die veränderten Zukunftsaussichten ausrichten und modernisieren. Dazu muss er nicht auf die Deutsche Börse warten, bis sie im Dax die Lufthansa durch die Deutsche Wohnen ersetzt.

So verdienen die Neobroker ihr Geld

Quelle: FAZ vom 29.05.2021, von Werner Mussler, Brüssel, Franz Nestler, Frankfurt

Handeln fast zum Nulltarif – das lockt viele Privatanleger an die Börsen. Doch das Geschäftsmodell macht die Europäische Union misstrauisch.

Im vergangenen Jahr gab es einen schon fast beispiellosen Trading-Boom in Deutschland. Im Vorjahr wurden 1933 Milliarden Aktien an deutschen Handelsplätzen gehandelt. Noch im Jahr 2019 waren es „nur“ 1415 Milliarden Aktien. Viele waren neue und junge Anleger, die sich zum ersten Mal auf das virtuelle Parkett wagten. Sie nutzen Apps wie die des Neobrokers Trade Republic, die zum Beispiel versprechen, einen Trade nur zum Preis von einem Euro zu ermöglichen, oder legen sich ein Depot bei den zahlreichen günstigen Brokern zu. Das kommt an, Trade Republic verzeichnet eine stark steigende Kundenzahl und ist mittlerweile das wertvollste Fintech in Deutschland. Auch die Konkurrenz wächst. Doch wie passt das zusammen, zum einen fast kostenloses Handeln und auf der anderen Seite glänzende Geschäfte?

Trade Republic ist dabei mit Sicherheit eine Ausnahme. Er ist ein Neobroker, das heißt: Alle Geschäfte lassen sich nur über das Smartphone abwickeln. Er richtet sich primär an eine jüngere, technikaffine Kundschaft. Das engt die Zielgruppe erst einmal ein, hat aber auch einen großen Vorteil: Der technische und regulatorische Aufwand sinkt, was übersetzt heißt – die Kosten sind niedrig. Auch das sogenannte „onboarding“ ist weniger aufwendig, der Interessierte kann mit wenigen Schritten Kunde werden. Es ist für Trade Republic also günstiger, die Plattform zu betreiben, und leichter, Kunden zu gewinnen – trotz geringerer Zielgruppe.

Der Broker gewinnt, wenn der Kunde gegen sein Interesse handelt

Doch mit einem Euro je Trade lassen sich nicht wirklich Milliarden verdienen, wo kommt also das Geld her? Dazu muss man noch tiefer in den Maschinenraum herabsteigen. Ganz einfach könnte man sagen: Man bietet nur Produkte an, mit denen man Geld machen kann. Wer die Nase rümpft, dem sei gesagt: Das machen im Prinzip fast alle Banken so, die Neobroker drehen das Ganze nur etwas weiter. Das Prinzip nennt sich Payment for Order Flow (PfOF). Der Kunde bekommt davon gar nichts mit, es läuft komplett im Hintergrund ab. Der Neobroker stellt einem sogenannten Market Maker die Transaktionen der Kunden zur Verfügung. Dieser verfügt darüber und vermittelt Kunden und Verkäufer und bringt diese zusammen. Für die Transaktion zahlt der Market Maker dem Neobroker dann eine Provision. Im Falle von Trade Republic ist das die Handelsplattform LS Exchange oder, wenn man Zertifikate kauft, HSBC Trinkaus. Und das muss für die Kunden nicht immer von Vorteil sein. Um es mit einem Zahlenbeispiel zu zeigen: Der Käufer möchte Aktie A für 10 Euro kaufen. Der Verkäufer möchte Aktie B für 6 Euro verkaufen. Treffen beide direkt zusammen, könnten beide Geld sparen. Doch die Differenz, in dem Fall 4 Euro, streicht dann der Market Maker ein, quasi als Servicegebühr. Für die Market Maker ist es also am besten, diese Servicegebühr so groß wie möglich zu halten, obwohl es für den Kunden am besten wäre, wenn sie so niedrig wie möglich wäre. Zusätzlich sollten die Kunden eigentlich so wenig wie möglich handeln, da sie nur selten den Markt schlagen – gleichzeitig ist der Gewinn für Broker umso größer, je öfter sie eben genau gegen ihre eigenen Interessen handeln. Auch deswegen ist der Payment for Order-Flow in Großbritannien und in den Niederlanden beispielsweise nicht erlaubt.

Deswegen ruft das Geschäftsmodell der Neobroker auch die EU-Kommission auf den Plan. In einem Antwortschreiben an den CSU-Europaabgeordneten Markus Ferber bestätigte Finanzmarktkommissarin Mairead McGuinness, ihre Behörde prüfe zurzeit, ob für die neue „Branche“ eine eigene Regulierung notwendig sei. Sie wolle ausloten, inwieweit im Rahmen der bestehenden Finanzmarktrichtlinie MiFid II Ergänzungen nötig seien.

Die Kommission werde genau hinschauen müssen, ob es regelkonform sei, wenn Broker den Handel mit Aktien teils oder ganz provisionsfrei für die Kunden anbieten, das Geld aber anschließend durch die Weiterleitung der Aufträge an bestimmte Market Maker wieder hereinholen, schreibt die Irin weiter. Es sei in der Richtlinie klar geregelt, dass die Händler für eine solche Weiterleitung nicht honoriert werden dürften. Die Kunden der Händler hätten Anspruch auf genaue Informationen über Kosten und Gebühren, auch über Zahlungen an Dritte.

Es fehlt Risikoaufklärung

Nach Angaben der EU-Börsenaufsichtsbehörde Esma steckt die Branche anders als in Amerika noch in den Kinderschuhen. Die Aufsicht habe bisher „nicht mehr als eine Handvoll“ Neobroker in der EU identifiziert, die vor allem in zwei Mitgliedstaaten angesiedelt seien, schreibt McGuinness. Diese operierten aber in etlichen anderen Ländern.

Die Kommissarin sieht ferner die Gefahr, dass die Nutzer ihre Geldanlage über Neobroker als Glücks- oder Computerspiel begreifen („gamification“) und deshalb zu viel Risiko eingehen. Die oft in der Finanzanlage wenig erfahrenen Kunden würden von den Anbietern nicht genug über die Risiken informiert. Auch die Qualifikation der Berater sei nicht immer hinreichend. Als weiteres Problem nennt McGuinness den Umgang der Anbieter mit Kundendaten. Die EU-Behörde startet in wenigen Wochen eine Konsultation, deren Ergebnis in das neue EU-Regelwerk für Privatkunden-Investments eingehen dürfte. Dieses will die Kommission im kommenden Jahr vorschlagen.

Nach Ferbers Ansicht stehen die PfOF-Arrangements in Widerspruch zu wichtigen Grundprinzipien der EU-Finanzmarktregulierung. „Die Kommission und die Esma täten gut daran, sich dieses Geschäftsmodell sehr genau anzuschauen. Es darf keinen regulatorischen Rabatt für Neobroker geben, nur weil ein Fintech einen anderen Vertriebsweg nutzt als die Hausbank. Für alle Anbieter müssen in der EU die gleichen Regeln gelten.“ Auch die Suchtgefahr sei nicht zu unterschätzen; sagt der CSU-Politiker: „Man will Verluste reinholen oder eine Glückssträhne fortsetzen, das sind bekannte Prinzipien. Doch an der Börse geht es um reales Geld.“

Was ist der Sinn des Geldes?

Quelle: FAZ vom 27.07.2021, von Volker Looman, Finanzanalytiker in Berlin und Dresden

Der Kauf von selbst genutzten Immobilien, die für Kauf und Renovierung mehr als 2 Millionen Euro verschlingen, klingt nach einem Abenteuer. Doch für manchen kann die Rechnung durchaus aufgehen.

Freiburg im Breisgau ist eine schöne Stadt – solange man nicht den Wunsch hat, an der Dreisam ein Haus kaufen zu wollen. Dann wird’s eng, nein, dann wird’s teuer, weil die wenigen Objekte, die auf den Markt kommen, ein Schweinegeld kosten, wenn ich das so ausdrücken darf. Unter einer Million geht nicht viel, und wenn die alten Gemäuer auf Vordermann gebracht werden sollen, ist die nächste Million fällig. Das veranlasst mich zu der Frage, wie sinnvoll es ist, zwei „Einheiten“ in selbst genutzte Häuser zu stecken. Sie werden über die Antwort erstaunt sein, weil ich Ihnen, wenn Sie in ähnlichen „Zwangsjacken“ wie der heutige Protagonist stecken, von diesem Vorhaben nicht abraten werde.

Der Mann ist 45 Jahre alt und Inhaber eines Betriebes mit 95 Angestellten. Er ist mit einer Frau verheiratet, die drei Jahre jünger ist. Die beiden Herrschaften sind „alte“ Eltern, weil die Kinder vier und zwei Jahre jung sind. Die beiden Rangen sind der Hauptgrund dafür, warum sich die Eltern seit einigen Monaten intensiv darüber Gedanken machen, wie in Zukunft die optimale Wohnform der Familie aussieht. Momentan lebt das Quartett zur Miete in einer großen Altbauwohnung. Doch dieses Glück ist endlich.

Der Besitzer hat der Familie mitgeteilt, die Wohnung spätestens in zwei Jahren selbst nutzen zu wollen, und nun hat sich zu allem Überfluss auch noch die Hausbank gemeldet und dem Unternehmer mitgeteilt, für die anderthalb Millionen auf dem Girokonto ein jährliches „Verwahrungsentgelt“ von 0,5 Prozent in Rechnung zu stellen. Das sind doch schöne Aussichten, nicht wahr?

Feinheit der Sache

Die blauen Briefe des Landlords und der Bank „zwingen“ den Unternehmer, sich mit der Frage zu beschäftigen, die er seit zwei Jahren wie eine heiße Kartoffel vor sich herschiebt. Soll die Familie zweieinhalb Millionen in den Kauf eines Eigenheims stecken? Sie haben richtig gelesen. Es geht um den Kauf eines alten Hauses, das anderthalb Millionen kostet und für eine Million auf den Stand der Technik gebracht werden muss. Würden Sie sich auf dieses Abenteuer einlassen oder sich von solchen Ideen lieber verabschieden?

Bitte lassen Sie sich, bevor Sie antworten, noch einmal die Zahlen auf der Zunge zergehen. Das Haus kostet einschließlich der Grunderwerbsteuer und der Notargebühren etwa 1 500 000 Euro. Die Renovierung des Objektes wird rund 1 000 000 Euro verschlingen. Die ortsübliche Miete liegt bei 4000 Euro im Monat. Damit kostet das Haus ungefähr 52 Jahresmieten. Das entspricht einer jährlichen Rendite von 1,93 Prozent, falls die Zahlen in den kommenden 20 Jahren konstant bleiben, und die Verzinsung beträgt 2,95 Prozent, wenn Sie die Hoffnung haben, dass die Mietvorteile und der Wert in den nächsten 20 Jahren um jährlich 1 Prozent steigen werden.

Vor 10 oder 15 Jahren hätte ich das Vorhaben infrage gestellt, doch in der Zwischenzeit bin ich in meinem Urteil „milder“ geworden, weil es auf die Feinheiten der Sache ankommt. Der Unternehmer ist Millionär und kann sich das Eigenheim leisten. Er sitzt auf glühenden Kohlen, weil die Familie in Kürze aus der Mietwohnung ausziehen muss. Was sollen die Eltern mit ihrem Geld machen, wenn sie es nicht in das Eigenheim stecken? An diesen Fragen mögen Sie erkennen, dass es mir weniger um die Rendite, sondern eher um den Sinn der Geldanlage geht.

Kehren wir zu den Zahlen zurück. Das Vorhaben kostet 2 500 000 Euro. Davon können 60 Prozent aus der Kasse bezahlt werden. Die restliche Million muss mithilfe der Hausbank beglichen werden. Das wird in meinen Augen kein Problem sein, weil der Unternehmer ein „Sahnekunde“ ist. Er versteuert im Jahr rund 500 000 Euro. Davon bleibt nach Abzug der Sozialabgaben und Steuern die Hälfte übrig. Der monatliche Konsum kostet 10 000 Euro, sodass dem Unternehmer jährlich 130 000 Euro zur Verfügung stehen. Bei jährlichen Kosten von 1 Prozent sind für Zins und Tilgung monatliche Raten von 8760 Euro nötig, um den Kredit im Laufe von zehn Jahren zu tilgen.

Viergeteilter Zahlungsplan

Der Zahlungsplan des Eigenheims besteht aus vier Abschnitten. Der Unternehmer legt beim Kauf des Hauses einmalig 1 500 000 Euro auf den Tisch. An-schließend folgen 120 Ausgaben von jeweils 4760 Euro, weil die Kreditraten (8760 Euro) und die Mietvorteile (4000 Euro) zu verrechnen sind. Die nächsten 120 Raten sind Einnahmen von jeweils 4000 Euro, weil der Kredit getilgt ist. Das Ende des Zahlungsstroms bildet das Haus im Wert von 2 500 000 Euro. Das führt nach Steuern zu einer Rendite von 2 Prozent im Jahr.

Die Verzinsung ist kein Anlass, um in Jubelstürme auszubrechen. Anders sieht die Sache aber aus, wenn die Lebensumstände in die Rechnung einbezogen werden. Der Unternehmer muss Strafzinsen bezahlen. Das ist zu verkraften. Die Familie muss aus der Wohnung ausziehen. Das ist ärgerlich. Die Aussichten auf „sichere“ Alternativen sind gering. Das ist das Leben. Die Hoffnung auf sinkende Hauspreise in Freiburg und Umgebung ist ein frommer Wunsch. Das ist deprimierend. Was nicht zu ändern ist, sollte nicht schöngeredet werden. Stattdessen plädiere ich für Dankbarkeit, überhaupt ein Haus zu finden und dieses Objekt bezahlen zu können. Kurzum: Nicht lang schnacken, wie es im Norden heißt, Kopp in’ Nacken und runter mit dem Ding! Ich würde mir aber noch einmal Gedanken über die Finanzierung machen.

Grünes Depot

Der Unternehmer kann die Kosten der Finanzierung mithilfe grüner Aktien gewaltig senken. Es ist denkbar, das Eigenkapital auf 500 000 Euro zu reduzieren, das Fremdkapital auf 2 000 000 Euro zu erhöhen und die Tilgung auf 20 Jahre zu strecken. Dafür wird nach Lage der Dinge ein jährlicher Zins von 2 Prozent fällig werden. Und ich rechne damit, dass dieser Satz in zehn Jahren auf 3 Prozent steigt. Das führt bei einer anfänglichen Tilgung von 2,5 Prozent in 20 Jahren zu einer Restschuld von 1 144 000 Euro. Im selben Zeitraum wird das restliche Eigenkapital von 1 ­000 000 Euro an der Börse angelegt. Und wenn sich die Sache vor Steuern mit 6 Prozent im Jahr rechnet, dann liegen in 20 Jahren rund 2 572 000 Euro im Depot. Damit kann der Restkredit „locker“ getilgt werden, und der Überschuss von 1 428 000 Euro ist die „Anzahlung“ für die Altersversorgung. Wer lieber mit Barwerten rechnet, wird zu dem Ergebnis kommen, dass die Kombination um 423 000 Euro vorteilhafter ist als der erste Kredit.

 

Der Vorteil verbilligt die Renovierung um 42 Prozent. Und wenn Sie die Nerven haben, um sich auf dieses Abenteuer einzulassen, dann möchte ich Ihnen zur Abwechslung ein „grünes“ Depot vorstellen, weil Freiburg die Hochburg der Grünen ist. Im Vauban-Viertel und Umgebung sind Atomkraft, Kohle, Öl, Tabak und Waffen strikte Tabus. Folglich kommen nur die Unternehmen in Frage, die nach „ESG“-Standards investieren. „E“ steht für Umwelt, „S“ für Soziales und „G“ für gute Unternehmensführung.
Ich bin zwar skeptisch, ob so viele Wohltaten auf einen Streich möglich sind, doch wenn Sie daran glauben, dann sollten Sie drei Indexfonds prüfen, mit denen die hehren Ziele erreicht werden sollen: der iShares MSCI USA ESG (IE00BFNM3G45), der iShares MSCI Europe ESG (IE00BFNM3D14) und der iShares Emerging Markets ESG (IE00BFNM3P36). Mit diesem Trio bauen Sie ein Weltdepot auf, das aus 2900 Unternehmen besteht. Und wenn in jeden Topf ein Drittel des Eigenkapitals fließt, dann dürften Sie im Vergleich zum iShares MSCI World ESG (IE00BFNM3J 75) die bessere Mischung haben. Sie kostet im Jahr nur 0,12 Prozent. Der Anteil der nordamerikanischen Unternehmen wird von 68 auf 33 Prozent gedrückt.

Die Umsetzung des Konzepts ist kein Pappenstiel, weil Sie die Hausbank brauchen, wenn es um den Kredit geht. Sie sollten um die Hausbank aber einen Riesenbogen machen, wenn es um das grüne Depot geht. Was veranlasst mich zu dieser Warnung? Nun ja, das ist die Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse nach Paragraph 18 des Kreditwesengesetzes. Sie müssen sich in finanzieller Hinsicht entblößen und der Bank berichten, warum Sie eine Hypothek von 2 000 000 Euro aufnehmen wollen. Und Sie brauchen gute Argumente, weshalb Sie diesen Kredit mit lediglich 2,5 Prozent tilgen wollen.

Ein kleines Vermögen

Damit ist die Gefahr verbunden, dass die Bank ihr Geld nur herausrücken wird, wenn Ihr Kapital in hauseigene Investmentfonds der Bank angelegt wird und das Depot als zusätzliche Sicherheit abgetreten wird. Ich könnte Ihnen stundenlang Geschichten über Anleger erzählen, die sich auf solche Deals eingelassen haben. Doch ich will mich kurzfassen: Falls Sie das machen, haben Sie verloren! Die einmaligen Ausgabeaufschläge von 5 Prozent und die jährlichen Verwaltungskosten von 2 Prozent je Jahr kosten Sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Vermögen. Im vorliegenden Fall wären es 524 000 Euro. Damit würden Sie rund 101 000 Euro mehr als bei der ersten Finanzierung bezahlen, wo Sie nicht nur Ihr gesamtes Eigenkapital einsetzen, sondern den Kredit auch noch im Laufe von zehn Jahren tilgen.

Ich kann Ihnen nur raten, auf solche Geschäfte zu verzichten. Genauso rate ich Ihnen von Robotern ab, die für Sie arbeiten. Das ist alles viel zu teuer, dafür sind Sie (noch) nicht reich genug. Und bitte vergessen Sie nicht, dass Sie weder Banker noch Vermögensverwalter, sondern die Welt retten wollen. Daher plädiere ich für zwei Banken ­ – frei nach dem Motto: Kredit ist Kredit, und Anlage ist Anlage. Bitte verhandeln Sie mit der Hausbank über die Hypothek, und seien Sie beim Zins großzügig. Es dürfen ruhig 1,5 oder 2 Prozent im Jahr sein, solange Sie die beiden Millionen mit höchstens 2,5 Prozent tilgen müssen.

Kauf und Lagerung der grünen Indexfonds sind Sache einer Direktbank. Bitte kommen Sie dort aber bloß nicht auf die Idee, das Depot jedes Jahr zweimal auf den Kopf zu stellen, weil es so billig ist. Das wäre nicht im Sinne des Erfinders. Das Kapital wird einmal angelegt, und die Dividenden werden thesauriert, so- dass Sie sich in den kommenden 20 Jahren um die Dinge kümmern können, die im Leben wirklich zählen. Haben Sie schon eine Idee, was das sein könnte?