Ein solides Aktiendepot für ängstliche Anleger

F.A.Z. 28. SEPTEMBER 2019, von Daniel Mohr

Die Vermögensfrage
Manche Aktien kosten Nerven – aber nicht alle

Die Börse besteht nicht nur aus Kursraketen und Abstürzlern. Es gibt auch sehr solide Aktien, die den Anleger weniger Nerven kosten. Eine Auswahl.

Carl Zeiss Meditec ist nicht gerade der hellste Stern am deutschen Aktienhimmel. Solche Rollen übernehmen für gewöhnlich die Deutsche Bank oder VW. Sie prägen auch das Bild vieler Deutscher vom Aktienmarkt: Skandale, Manipulationen, Kursstürze. Carl Zeiss Meditec ist anders. In ruhigem Fahrwasser hat das Unternehmen aus Jena einen Wert von derzeit fast zehn Milliarden Euro erreicht und damit mehr als Thyssen-Krupp, die Commerzbank oder Lufthansa.

Mit Carl Zeiss fliegt aber auch niemand in den Urlaub oder ärgert sich über kaputte Aufzüge oder schlechten Bankservice. Carl Zeiss Meditec werden eher Ärzte kennen. Schließlich ist es ein Hersteller von Präzisionswerkzeugen in der Augenheilkunde. Das zweite Standbein sind Operationsmikroskope, die jährlich bei rund zehn Millionen Eingriffen von Neurochirurgen eingesetzt werden. Zahlreiche weitere Geräte der Medizintechnik runden das Portfolio ab. Kurzum: Der Konzern profitiert von der Alterung der Bevölkerung in den Industrieländern. Mit ihr steigen die Ausgaben im Gesundheitssystem und der Bedarf an medizinischen Leistungen. Einer der Megatrends, wie Achim Matzke sagt, Leiter der Technischen Analyse und Indexanalyse der Commerzbank.

Er ist Fachmann für Marathonläufer an der Börse. Also jener Unternehmen, die nicht auf den schnellen Hype, den kurzfristigen Erfolg aus sind, sondern die über viele Jahre kontinuierliches Wachstum aufweisen. Und unter den deutschen Aktien fällt Matzke als bestes Beispiel dafür eben Carl Zeiss Meditec ein. „Marathonläufer weisen über zwanzig Jahre einen Aufwärtstrend im Kurs auf“, sagt der Analyst. Das schließt zwischenzeitliche Kursverluste nicht aus. So weist auch Carl Zeiss Meditec vereinzelte Phasen auf, in denen der Kurs um zehn Prozent gefallen ist. Doch der übergeordnete Trend geht (steil) bergauf. Knapp 3 Euro kostete eine Aktie im Jahr 2001. Heute sind es gut 100 Euro. Allein dieses Jahr beträgt das Kursplus mehr als 50 Prozent.

Ist die Aktie damit aber nicht schon genug gestiegen? „Qualität kaufen Sie fast immer am All-Time-High“, sagt Matzke dazu. „Sie müssen immer das Gute, Erfolgreiche kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das auch in der Zukunft durchsetzt, ist hoch.“ Auf Schnäppchenjagd würde er an der Börse eher nicht gehen. „Aller Erfahrung nach erholen sich die tief gefallenen Aktien nicht so schnell, oft sogar gar nicht, sondern fallen weiter.“

Bei der Auswahl zukunftssicherer Aktien empfiehlt Matzke, auf Megatrends zu schauen. Das sind für ihn das Bevölkerungswachstum auf der Welt, die Alterung in den Industrieländern, der wachsende Reichtum der „Alten“ in den Industrieländern, die sich etwas gönnen können, und die Urbanisierung. „Unternehmen, die mindestens von einem dieser Megatrends profitieren, dürften zu den künftigen Gewinnern am Aktienmarkt zählen“, sagt Matzke.

Carl Zeiss Meditec verkörpert das für ihn am ehesten in Deutschland. Aber ein Aktiendepot für Ängstliche sollte natürlich nicht vom Wohl und Wehe eines einzelnen Unternehmens abhängen. Der Blick nach Frankreich fördert Marathonläufer zu Tage, die von dem wachsenden Reichtum der wachsenden Zahl der Alten in den Industrieländern profitieren: die Luxusgüterkonzerne. LVMH heißt hier das Flaggschiff, eine Abkürzung für Louis Vuitton Moët Hennessy, das nicht nur die Familie Arnault als Großaktionär ungeheuer reich gemacht hat, sondern auch die vielen tausend anderen Aktionäre. Von gut 40 Euro vor zehn Jahren ist der Kurs auf aktuell rund 360 Euro gestiegen. Der Konzern kommt damit auf einen Börsenwert von stolzen 180 Milliarden Euro. Die Kursrückschläge sind selten, der Aufwärtstrend stimmt, und der Bedarf an Luxus wächst mit jedem Chinesen, Amerikaner und Europäer, der zu Reichtum kommt, und das sind immer mehr. Wer eher den Produkten von Hermes eine gute Zukunft zutraut, findet auch in den Aktien dieses Pariser Luxuskonzerns einen Marathonläufer der Börse.

Weniger spektakulär geht es bei den Nahrungsmittelkonzernen zu. Mit steigender Weltbevölkerung verbessern sich deren Wachstumsaussichten. Entsprechend beliebt sind die Aktien von Danone, Unilever und Nestlé. Der Schweizer Konzern hat es mit einem Börsenwert von knapp 300 Milliarden Euro sogar zum wertvollsten Unternehmen in Europa überhaupt gebracht. Der Aktienkurs stieg Anfang September mit 113 Franken auf ein neues Hoch. Kritische Aktienmarktphasen wie den Herbst 2018 verbringt die Aktie meist in einer Seitwärtsbewegung. Kursrückgänge gibt es aber auch hin und wieder, doch der langfristige Aufwärtstrend ist stabil wie bei kaum einer Aktie sonst. Doch auch der niederländisch-britische Rivale Unilever und der französische Danone-Konzern weisen Kursbilder auf, die zumindest in den vergangenen zehn Jahren ein Muster an stabilen Aufwärtstrends waren.

Geht das immer so weiter? Das weiß natürlich niemand. Auch die noch so soliden Unternehmen können in Schwierigkeiten geraten. Zu ängstlich dürfen die Anleger auch hier nicht sein, sonst bleiben sie lieber in ihrem zinslosen Tagesgeldkonto. Ein Aktiendepot, das aber über rund zehn solcher soliden Unternehmen verfügt, sollte auch einigermaßen vor tiefen Krisen geschützt und langfristig erfolgversprechend sein.

Weitere Beispiele für Marathonläufer sind aus der Getränkeindustrie Campari aus Italien und Diageo mit seinen Marken Johnnie Walker, Guinness und Bailey’s aus London. Unter den Süßwarenherstellern ragt Lindt&Sprüngli heraus, deren Aktienkurs allerdings mittlerweile auf 82 000 Franken für eine Aktie gestiegen ist. Da dies das Budget der meisten Anleger sprengt, gibt es aber mittlerweile eine zweite Gattung, die für „nur“ 7500 Franken das Stück zu haben ist.

Henrik Muhle, gemeinsam mit Uwe Rathausky Manager des Acatis Gané Value Event Fonds, ist ein Freund solider, langfristig erfolgreicher Aktien. Er stellt sich bei der Aktienauswahl die Frage, welche Unternehmen wohl in zehn Jahren noch existieren. Und ob es ihnen dann besser gehen wird als heute. Die entsprechenden Aktien kauft er. Muhle bevorzugt für seinen Fonds, in dem 2,5 Milliarden Euro Anlegergeld stecken, Unternehmen mit stabilen Geschäftmodellen und einer starken Marktstellung. Im Idealfall sollten die Aktien solcher Unternehmen auch geeignet sein für ängstliche Anleger, indem die Aktienkurse stabile Aufwärtsbewegungen liefern.

„Geldanlage in Aktien ist aber keine Naturwissenschaft, die klaren eindeutigen Regeln folgt“, sagt Muhle. „Es ist eher eine Sozialwissenschaft mit vielen diffusen Einflussfaktoren.“ Der Kursverlauf der Aktie und der Geschäftsverlauf des Unternehmens unterschieden sich daher. „Nicht prinzipiell, aber zwischendurch gibt es schwache Kursphasen, die muss ein Aktionär einfach aussitzen können, wenn er von einem Unternehmen überzeugt ist“, sagt der Fondsmanager. „Die Kursschwankungen sind sogar unser Freund, weil sie günstige Gelegenheiten zum Einsteigen und Nachkaufen bieten.“

Das haben Muhle und Rathausky gerade wieder bei einer ihrer Lieblingsaktien gemacht, dem IT-Leasingunternehmen Grenke aus Baden-Baden. Nach einem sehr guten Kursverlauf gab es erst im Herbst 2018 und nun Ende Juli zwei kräftige Kursrückschläge. „Manche Unternehmen werden Opfer ihres eigenen Erfolgs, weil die Markterwartungen in kaum erreichbare Höhen steigen und dann irgendwann enttäuscht werden“, sagt Muhle. Doch er hält das Geschäftsmodell für langfristig überzeugend: „Sie sind Kostenführer und Kostenführer bauen ihre Marktführerschaft in der Regel weiter aus.“

Entsprechend setzt der Gané-Fonds auch auf die Aktien von Amazon und die Google-Holding Alphabet sowie die starken Marken Apple, Nestlé und McDonald’s. Generell sieht Muhle in den Aktienmärkten derzeit durchaus mehr Chancen als Risiken. „Der Run auf Aktien nach dem Umschwung der Geldpolitik zu noch niedrigeren Zinsen hat noch gar nicht eingesetzt“, sagt er. Und dass Unternehmen wie der Büroraumvermittler Wework seine hohen Bewertungen von bis zu 50 Milliarden Dollar beim gescheiterten Börsengang nicht erzielen konnte, wertet er als Zeichen, dass die Märkte längst nicht überhitzt sind, sondern die Anleger sehr genau hinschauen.

Wer übrigens eine Defensivstrategie in ihrer ältesten und bewährtesten Form in nur einer einzigen Aktie gebündelt kaufen will, der sollte die Titel von Berkshire Hathaway in sein Depot nehmen. Die Investmentgesellschaft der Investorenlegende Warren Buffett setzt seit jeher auf solide, verständliche Geschäftsmodelle, deren Mittelzufluss üppig ist. Der Erfolg ist beeindruckend. Dazu reicht ein Blick auf die wertvollsten Unternehmen der Welt. In die Phalanx der Tech-Größen Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet/Google, Facebook, Alibaba und Tencent kann nur Berkshire auf Rang 6 mit einem Börsenwert von gut 500 Milliarden Dollar vorstoßen. Hier wäre es natürlich klug gewesen, schon vor gut 40 Jahren zu investieren, als die Aktie noch für 70 Dollar zu haben war. Heute sind es 310 000 Dollar. Sie ist damit die teuerste Aktie der Welt. Der 89 Jahre alte Großaktionär Buffett wurde mit seinen Investments zu einem der reichsten Menschen.

Immerhin hat er für das kleinere Portemonnaie mittlerweile B-Aktien geschaffen, die für umgerechnet 190 Euro zu haben sind. Buffett setzt auf starke Marken. Auf Unternehmen, die nach seiner Ansicht einfach nicht untergehen werden, sondern die es noch lange geben wird. Schwergewichte im Portfolio sind Apple und Coca-Cola, aber auch amerikanische Banken wie Bank of America, Wells Fargo und JP Morgan Chase, der Kreditkartenkonzern American Express, der Ketchuphersteller Kraft Heinz sowie weitere Banken, Fluggesellschaften, aber auch zahlreiche nichtbörsennotierte Unternehmen aus der Versicherer- oder Eisenbahnbranche. Mittlerweile hat er auch Amazon-Aktien gekauft und sich als Idiot bezeichnet, die phantastische Entwicklung des Unternehmens nicht früher gesehen zu haben. Auch die Apple-Aktien hat er erst spät erworben.

Doch es gehört zur Stärke solcher Investoren, verpassten günstigeren Einstiegschancen nicht nachzutrauern, sondern trotz stark gestiegener Kurse Unternehmen Geld anzuvertrauen, denen sie eine gute Zukunft zutrauen. Warum also nicht auch Carl Zeiss Meditec vertrauen? Vielleicht wird es ja der erste Dax-Wert aus Ostdeutschland?

 

zum Thema Vorsorgewohnungen und Immobilienanlage siehe zahlreiche Artikel auf meiner Webseite

https://www.meller.biz/index.php/vorsorgewohnungen-173.html


TAX SHELTERS

# 26 from Tao of Charlie Munger: A Compilation of Quotes from Berkshire Hathaway's Vice Chairman on Life, Business, and the Pursuit of Wealth
with Commentary by David Clark, Auflage 2017

 "In terms of business mistakes that I've seen over a long lifetime, I would say that trying to minimize taxes too much is one of the great standard causes of really dumb mistakes. . . . Anytime somebody offers you a tax shelter from here on in life, my advice would be don't buy it." Charles Munger

Charlie has seen incredible mistakes in investment judgment because some people are more concerned with not paying taxes than they are with making money. They invest in tax shelters that may be great at avoiding taxes but in reality are terrible business ventures, many of which end up losing more money than they saved their owners in taxes. Charlie and Warren have engineered their investment in Berkshire Hathaway so that it is a kind of legal tax shelter. They have accomplished this by having the company never pay a dividend, thus avoiding the tax on the dividend payment, and by holding their Berkshire stock for fifty years. That has allowed the earnings to pile up inside Berkshire. And they used the accumulated profits to build the company by acquiring other companies. The only time they have to pay the tax on their Berkshire holdings is when they sell their stock. In Warren's case, since all his money is going to a charitable foundation, he will never have to pay a dime of tax on it. Why would Charlie or Warren ever buy a tax shelter when they have Berkshire Hathaway, the ultimate vehicle for avoiding or deferring the payment of taxes?

The Snowball: Warren Buffett and the Business of Life

by Alice Schroeder, page 407 f

Five hundred of the grateful rich, wearing black tie and ball gowns, walked in 1980 up the red carpet and into New York’s swanky Metropolitan Club for Buffett’s fiftieth birthday party. With Berkshire Hathaway trading at $ 375 a share, the Buffetts' net worth had more than doubled in the past year and a half. They could easily afford to rent the place. Dotted among the Buffett Group members were semi-demi-celebrities like the actor Gary Cooper’s daughter.

Susie had ordered a cake shaped like a six-pack of Warren’s beloved Pepsi-Cola. He had asked his old pinball partner Don Danly to bring him the balance sheet for Wilson’s Coin-Operated Machine Company: Buffett was beginning to gather materials from his early business efforts - treating these objects like totems and showing them to people with a slight tinge of reverence. They seemed like tangible evidence of himself, reassuring artifacts.

Susie brought her band from Sao Francisco and took center stage to sing verse after verse of a version of "Shuffle Off to Buffalo" on the theme of Buffett’s latest caper: packing up his duffel and shuffling off to Buffalo to buy an undervalued paper.

The man himself, with eyebrows sprouting like ivy tendrils over the frames of his glasses, now looked less awkward in black tie. Buffett’s hunt for things to buy had become more ambitious, free of the cigar butts and lawsuits of the decades before. The great engine of compounding worked as a servant on his behalf, at exponential speed and under the gathering approval of a public gaze.

The method was the same: Estimate an investment's intrinsic value, handicap its risk, buy using margin of safety, concentrate, stay in the circle of competence, let it roll as compounding did the work.

Anyone could understand these simple ideas, but even though Buffett made the process look effortless, the technique and discipline underlying it involved an enormous amount of work for him and his employees. As his business empire had expanded, from the shores of Lake Erie to the suburbs of Los Angeles, Kiewit Plaza remained at the center-a quiet but endlessly busy temple of commerce, furnished with dinged, scuffed steel-frame furniture and linoleum floors. With every new investment, there was more to do; but the number of people at headquarters barely changed. …

The sun was indeed nice and warm, but Buffett was so focused and his mind worked at such speed that extended conversations with him left them sunburned. "My mind was so tired," said one friend. "I had to recuperate from seeing him," said another. "It was like being pounded on the head all day long," said a onetime employee.